La Palma
Zigarrendreher oder: Haltehilfe für ganze Kerle
Von Horst H. Schulz
Ein Zigarrendreher bei der Arbeit
21. April 2005 Das Wort des Schriftstellers Guillermo Cabrera Infante hat in Zigarrenraucherkreisen Gewicht - nicht nur, weil er als Kubaner eine natürliche Nähe zu den gerollten Tabakblättern und als Kenner dem Thema das Buch "Rauchzeichen" gewidmet hat, sondern auch, weil er als Exilant in London frei von aller patriotischen Verblendung ist. So liest man bei ihm: "Auf den Kanarischen Inseln kann man eine Zigarre rauchen, die das Gegenteil einer Condal ist: billiger und manchmal besser. Es ist die Zigarre von Brena Alta." So schmeichelt Cabrera Infante den Zigarren, die in einem kleinen Ort auf der Insel La Palma gedreht werden.
Der kanarische Tabak stammt wie Cabrera Infante ursprünglich aus Kuba. Allerdings kam er weit früher als der Schriftsteller nach Europa. Es war etwa um die Zeit, als in der Zeitschrift "Revista de Canarias", einem biederen Blättchen, das mit Todesanzeigen, Nachrichten und Liedtexten den kanarischen Migranten auf Kuba das Heimatgefühl warmhielt, ein gewisser Senor Bello, auch er kanarischer Emigrant, schrieb: "Tabak wird auf unseren Inseln wachsen, weil das Klima dem auf Kuba ähnelt. Mit den Sorten Flor Blanca und Orinoco sind rasch gute Erträge erzielbar." Das war im Jahr 1881. Senor Bello sollte recht behalten.
Tabakdreher in der Abflughalle
Mit dem Tabak kam auch die Kunst des Zigarrendrehens auf die Inseln. Nicht wenige Canarios kehrten aus Kuba und Venezuela, den klassischen Ländern kanarischer Emigration, als Zigarrendreher zurück, um sich damit eine Lebensgrundlage in der alten Heimat zu schaffen. Und die einstigen Lehrlinge der kubanischen Zigarrenmeister hatten schnell gelernt: Auf internationalen Wettbewerben schnappten kanarische Zigarren den kubanischen Erzeugnissen manche Medaille weg.
Der Tabakanbau auf den Kanaren hatte, nicht anders als andere Inselprodukte wie der Wein oder das Zuckerrohr, seine Höhen und Tiefen. Heute wird kaum noch Tabak angebaut, doch die Zigarrendreher sind nicht ausgestorben. Im Gegenteil, einige Familien leben sogar von diesem Handwerk, und keine Agrarmesse, keine Touristenschau kommt ohne die Zigarrenmacher aus, die ebenso wie die Trachtengruppen fester Bestandteil der Folklore sind. Selbst in der Abflughalle mancher kanarischer Flughäfen werden die Urlauber noch durch einen dort arbeitenden Tabakdreher animiert, eine Packung Puros, wie die Zigarren in Spanien heißen, mit dem Siegel "hecho a mano" - handgedreht - zu erstehen.
Exklusive Handfertigung
Fernando Hernandez ging mit vierzehn Jahren nach Venezuela. Er schuftete in den Tabakplantagen, lernte alles über Anbau und Pflege der empfindlichen Pflanzen, über Trocknung und Fermentation der Blätter. Die ersten Zigarren drehte er für sich selbst. Mit zwanzig schon war er routiniert in der Mischung und Komposition der Blätter und beherrschte das Halbmondmesser, mit dem das Deckblatt einer Zigarre zugeschnitten wird. Heute versorgt er auf der Kanareninsel La Palma eine kleine, aber um so treuere Klientel. Die Privatkunden schwören auf seine Mischung, gleich ob es sich dabei um die Gäste einer Bar auf Teneriffa handelt oder die Kunden eines Kaufhauses auf Gran Canaria. Einen großen Kundenkreis könne er indes nicht bedienen, sagt Hernandez, denn er arbeite alleine und natürlich exklusiv in Handfertigung. Etwa zweihundert Stück schaffe er pro Tag, "denn ich gehe auch noch auf die Jagd und habe ein paar Felder zu bestellen.
Kein Firmenzeichen zeigt an, daß in einer Gasse des Dorfs, hinter dicken Mauern, seine hochgeschätzten Erzeugnisse entstehen. Der Blick aus der Werkstatt des Meisters, der Tabaqueria, ist wie aus dem Touristenprospekt. Er geht über die Kronen von Palmen hinweg hin zum Blau des Ozeans und ist viel zu schön, um sich auf die Arbeit zu konzentrieren. Vielleicht schafft Hernandez deswegen nur zweihundert Zigarren am Tag. Der Raum ist erfüllt vom Duft getrockneter Tabakblätter, die als pralle Bündel auf dem Holzfußboden liegen. Der vom langen Gebrauch polierte Holztisch mit dem Brett zum Rollen darauf verführt zum Anfassen. Es sieht hier aus wie in einer Tabakmanufaktur aus Großvaters Zeiten: der Tisch mit den wenigen Werkzeugen; die Bestellungen, mit Bleistift auf Packpapier geschrieben; das alte Kalenderbild von der Schutzheiligen der Insel; ein mit Klebeband zusammengehaltenes Radio auf dem Fensterbrett.
Schwer duftend, kräftig braun
Der Meister arbeitet gerade an einer Hochzeitsbestellung. Extra lange Coronas sollen es sein, achtzehn Zentimeter gedrehter Tabak mit einem Deckblatt aus Kuba, zweihundert Stück. Eine Banderole mit dem Namen des Brautpaares und dem Datum des Ereignisses wird die Zigarre zieren. "Hochzeitszigarren haben hier Tradition", sagt Fernando Hernandez und lacht, "weil auch Männer, die sonst nie rauchen, mit den Riesendingern ein bißchen prahlen und auf so einem Fest ein ganzer Kerl sein können." Doch von Hochzeitsaufträgen allein könnte der Zigarrendreher nicht leben. Der Hauptabsatz geht an die überzeugten Kenner, die an einer speziellen Tabakmischung aus Hernandez' Repertoire Geschmack gefunden haben. "Die Komposition ist das Wichtigste, in Verbindung mit dem Deckblatt. Es ist ein Unterschied, ob ich Santo-Domingo-Tabak mit Sumatra mische und ein einheimisches Blatt hinzunehme oder mexikanischen Tabak mit Brasil als Einlage verwende. Den Dreh muß man heraushaben."
Ein guter Tabakdreher hat seine Rezeptur, und die behält er für sich. Der Tabak dafür kommt bei Hernandez und seinen Kollegen aus den klassischen Anbauländern Brasilien, Mexiko, Indonesien, Nicaragua und natürlich aus Kuba. Daß eine kanarische Zigarre nur aus heimischem Tabak gedreht werde, sei eine Mär. "So viel Tabak bauen wir gar nicht an", sagt Hernandez und zeigt ein kleines Bündel Tabak aus La Palma, "außerdem gäbe er alleine kein gutes Aroma. Er ist viel zu flach." Der Brasiltabak hingegen ist kräftig braun, schwer duftend und Bestandteil würziger Zigarren. Hernandez mischt ihn mit Blättern aus Kamerun und der Dominikanischen Republik. Der mexikanische Tabak ist fast schwarz und soll, allein geraucht, übermäßig stark sein. Der Sumatra gilt als leicht.
Aus gutem Tabak wird nicht immer eine gute Zigarre
Legendär aber ist nur der Tabak aus Kuba, zartbraun, zur sanften Berührung verleitend, an hauchdünn gegerbtes Leder erinnernd. "Doch der Kuba-Tabak wird oft überbewertet", sagt der Meister. "Die Wahrheit ist, daß es auch auf Kuba ganz schlechten Tabak gibt, den reinsten Müll. Die besten Tabake kommen aus bestimmten Regionen, meist dem äußersten Westen der Insel, nur die sind wirklich gut - und teuer." Hernandez verwendet den kubanischen Tabak nur als Deckblatt für seine sechzehn Zentimeter langen Coronas.
Aus gutem Tabak wird allerdings nicht zwangsläufig eine gute Zigarre. Ebenso wichtig ist die Technik der Herstellung. Die Zigarre darf nicht zu locker gewickelt sein und nicht zu fest, sonst zieht sie nicht. Zunächst wird das Umblatt zugeschnitten und wie ein Blatt Papier ausgebreitet. Darauf wird ein zweites Tabakblatt gelegt und ebenfalls auf Form geschnitten, das ist die Einlage. "Die Länge der Einlage ist für die Brenneigenschaft und den Geschmack von Bedeutung", sagt der Meister. Unter seinen Fingern entsteht dann in Sekundenschnelle ein Zigarrenkörper, der, noch embryonal, während ein paar Stunden in einer Preßform seine Facon bekommt. Danach erhält die angehende Zigarre ihr endgültiges Kleid, das das Auge locken und den Gaumen erfreuen soll: das Deckblatt, die "capa". Sie muß von ebenmäßiger Farbe sein und darf keine Flecken zeigen.
Das Kunstwerk ist vollendet
Auf der "tabla" aus Eukalyptusholz schneidet Hernandez mit einem Messer die Rippe aus dem Blatt. Jede Blatthälfte wird zum Deckblatt einer Zigarre. Am künftigen Brandende beginnend, rollt er das Blatt spiralenförmig um den Zigarrenrohling, schneidet ihn auf die endgültige Länge und verklebt das Mundstück mit einem Tropfen weißen Leims. Das Kunstwerk ist vollendet.
Jetzt fehlt noch die Verpackung, die bei kanarischen Zigarren, soweit sie nicht in den Export gehen, üblicherweise schlichtes weißes Papier ist, das luftdicht mit Folie umhüllt wird. Meistens steht darauf nur der Name des Herstellers, die Sorte, die Garantie der Handfertigung und neuerdings der Hinweis des Gesundheitsministeriums zum gesundheitlichen Risiko des Rauchens. Immer populärer werden indes kunterbunte, an tropische Fernen erinnernde Illustrationen oder Phantasienamen, die zu fünfundzwanzig Stück gebündelte Zigarren schmücken. Über die Qualität sagen diese aufwendigen Verpackungen indes nichts aus. Es kommt vielmehr auf Tabakqualität, Komposition und Fertigung an, Faktoren also, die nur von einem erfahrenen Tabakdreher in Einklang gebracht werden können.
Information: Auf den Kanarischen Inseln, besonders auf La Palma, gibt es noch etwa drei Dutzend Zigarrendreher. Ihre Puros kann man in Bars, Tabakwarengeschäften, Supermärkten und Souvenirläden kaufen. Der Hinweis "hecho a mano" garantiert Handarbeit. Zusehen kann man den Meistern in einer kleinen Werkstatt neben der Markthalle in Santa Cruz, in dem Ort Brena Alta an der Hauptstraße im Haus Nummer 10 sowie in einer Werkstatt in Brena Baja, die neben dem Centro de Salud liegt. Auskünfte gibt es auch in den örtlichen Touristenbüros.
Text: F.A.Z., 21.04.2005, Nr. 92 / Seite R11
Bildmaterial: F.A.Z., Horst H. Schulz



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